Schultheater am WGG "Schule – megakrass"
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Der Vorhang geht auf und auf der Bühne liegen zahlreiche Personen dicht gedrängt. Mit einem Schlag erwachen sie und zeigen, dass sie unterschiedlicher kaum sein könnten: „Also ich bin ein echtes Wunschkind, sagt meine Mama“, grinst ein Mädchen selbstbewusst ins Publikum. „Ich bin eher schwierig“, klagt dagegen ein Junge, und es klingt, als habe er diesen Satz schon so oft gehört, dass er gar nicht mehr anders kann, als ihn selbst zu glauben. Zahllose weitere Statements folgen und es wird immer deutlicher, dass es sich um leere Phrasen handelt, die in einem Durcheinandergebrabbel enden, in dem man nichts mehr versteht. Man fühlt sich, als sei man unvermittelt in einem „Turboschnellwaschprogramm“ gelandet, und weiß nicht mehr, wo unten und oben ist.
„Wo sind wir hier eigentlich? Und wer sind wir?“ lauteten also die Fragen, die in der diesjährigen Aufführung der Theatergruppe des Willibald-Gluck-Gymnasiums im Stück „Schule – megakrass“ ausgelotet werden sollten. Und dabei handelte es sich um eine echte Eigenproduktion. War zu Beginn des Jahres geplant, schlicht ein bestehendes Stück einzuüben, war auf während der ersten Proben der Wunsch entstanden, selbst etwas zu schreiben und zu spielen. So erwuchs erst im Verlauf des Jahres das Stück und alle Beteiligten konnten sich im Entstehungsprozess einbringen. Anfangs war die einzige, noch recht vage Vorgabe der Schüler: „Es soll lustig sein und es soll mit uns zu tun haben“. Unter der Federführung der langjährigen Leiterin der Theatergruppe am WGG, Helga Erm, die in diesem Jahr zudem von Renate Gebhard unterstützt wurde, entstand also ein eigenes Werk. In loser Szenenfolge wirft das Stück Schlaglichter auf den Mikrokosmos Schule: Wer trifft da eigentlich aufeinander? Was bringen alle die verschiedenen Beteiligten mit? Was treibt sie um? Womit müssen sie sich wohl oder übel auseinandersetzen? Und wie fühlt man sich gerade als Schüler in diesem Wirrwarr? Wahrscheinlich hat man es da besonders schwer, wie auf der Bühne deutlich wurde:
Da sind zum einen die Eltern, und auch die sind beileibe nicht alle gleich. Auf der einen Seite gibt es die Antiautoritären, die ihren Schützlingen keinerlei Grenzen setzen, sie im Grunde alleine lassen. Auf der anderen Seite stehen die Leistungsfanatiker, deren Helikopterbetreuung am Ende doch nur auf das Funktionieren ihrer Kinder zielt. Von familiärer Wärme keine Spur. Als Kind startet man also mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen in ein Schülerleben. Und als wäre das noch nicht genug, muss man sich plötzlich mit Dingen auseinandersetzen, die das Heranwachsen und der Schulalltag so mit sich bringen: Erste Liebeleien sind ein Thema im Stück, doch herumgeisternde Klischees, wie Männer oder Frauen „eben sind“, machen die Sache nur scheinbar leichter. Und außerdem: Worüber spricht man eigentlich beim ersten Rendezvous? Ein anderer Punkt ist Mobbing – ist das wirklich „nur Spaß“, wie sich in einer Szene die Täter herauszureden versuchen? Von den Lehrern ganz zu schweigen: Wird eine Lehrerin im Stück auf das Mobbingproblem angesprochen, gelingt es ihr nicht wirklich befriedigend, in der Klasse damit umzugehen. Als sie dann aber versucht, die Eltern ins Boot zu holen, stößt sie auf keinerlei Verständnis, ja kommt eigentlich nicht einmal zu Wort, weil die karrierebewusste Frau Mama sich nicht in der Verantwortung fühlt und der Lehrerin Inkompetenz vorwirft.
Trotz all der Schwere, die in diesen Themen liegt, wurde bei der Aufführung am Donnerstag viel und herzlich gelacht. Das lag an der pointierten satirischen Zuspitzung, die jeder Szene Witz verlieh und man sich nicht im moralinsauren Problemwälzen erging. Dabei war die schauspielerische Leistung der Schülerinnen und Schüler auf beachtlichem Niveau, besonders wenn man berücksichtigt, dass ein großer Teil der Theatergruppe am WGG aus Unterstufenschülern besteht. Das komödiantische Talent zahlreicher Darsteller amüsierte das Publikum bis auf den letzten Platz besetzten Mehrzweckraum der Schule blendend.
Eine Lösung auf die Frage, wie das schulische Zusammenleben angesichts so vieler komplizierter Umstände und Schwierigkeiten im Alltag eigentlich gelingen kann, bot die Aufführung zwar nicht direkt auf der Bühne. Aber spätestens als man am Ende die Akteure den lange anhaltenden Applaus genießen sah, war klar: Man hatte mit dem eigenen Stück und der gelungen Aufführung am Dienstag bewiesen, dass die Schule eben auch ein Ort ist, an dem man mit engagierter Zusammenarbeit gemeinsam kreativ sein, Erfolge feiern und großen Spaß haben kann.